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Über die TGH

Rede von Professor Dr. Hakkı Keskin in Hamburg anlässlich des zwanzigsten Jubiläums der Türkischen Gemeinde Hamburg, 1. September 2006

     

Es war der Weihnachtsabend 1985. Die Familie Bağırsakcı hatte ca. 25 Gäste zu der Geburtstagsfeier ihres Sohnes eingeladen. Viele der eingeladenen Gäste waren auch politisch interessierte Menschen.

Während der Unterhaltung erzählte einer der Gäste, dass ein 26 Jahre alter junger Türke, namens Ramazan Avci, der am 21. Dezember infolge eines Überfalls von Skinheads schwer verletzt wurde, an diesem Tag im Krankenhaus gestorben ist.

Dieses Ereignis erschütterte uns tief. Nun begannen wir, über dieses Thema zu diskutieren.

Bereits am 25. Juli 1985 wurde der 29jährige junge Türke, Mehmet Kaymakci, ebenfalls von Skinheads in Hamburg getötet.

Wir durften diesen nochmaligen Mord von Neonazis nicht mehr länger tatenlos hinnehmen. Ich schlug vor, hiergegen eine breite Protestaktion zu organisieren. Wir haben darüber diskutiert, wie diese Protestaktionen zu organisieren wären. Wer sollte hierzu einladen und wo sollte überhaupt ein solches Treffen stattfinden?

Die Lage der Hamburger Türken war desolat.

Nach dem Eingreifen des Militärs in der Türkei 1980 waren viele politisch verfolgte Menschen aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet und versuchten sich in verschiedenen linksradikalen Vereinen mehr oder weniger gegenseitig zu bekämpfen. Es gab keinen Verein, der für die breite, schweigende Mehrheit der Hamburger Türken hätte handeln können.

Ich persönlich kam Ende 1982 von Berlin als Hochschullehrer nach Hamburg und wollte mich ausschließlich auf meine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren.

Viele der Gäste im Raum schlugen vor, dass ich die Vertreter der Vereine einladen sollte, da ich offensichtlich eine breitere Akzeptanz besitzen würde.

Ich habe diesem Vorschlag mit der Auflage zugestimmt, dass wir all diejenigen einladen sollten, die Gewalt ohne wenn und aber ablehnen.

Das bedeutete die Schließung eines breiten Bündnissesberalen, sozialdemokratischen, weiteren linken sowie religiösen Kräften sollten für diese Aktion keine ausgeschlossen werden.

Wie sollten wir nun binnen zwei Tagen all diese Leute informieren und zu diesem Treffen einladen?

Wir haben dann eine Liste der einzuladenden Personen erstellt und verabredet, wer wen telefonisch informieren sollte. Als Treffpunkt hatten wir den 26. Dezember in einem Restaurant vorgesehen.

Es kamen ca. 45 Leute, viele mehr als wir eingeladen hatten. Alle waren sehr betroffen und bereit, sich für Protestaktionen gemeinsam zu engagieren. Es wurde ein Komitee gegründet in der verschiedene politische Richtungen vertreten waren. Die Arbeit sollte von drei gewählten Sprechern dieser Aktion geleitet werden.

Wir haben zunächst einmal in einer Trauerdemonstration zu Ehren von Ramazan Avci am 31. Dezember 1985 seinen Leichnam in Begleitung eines großen Autokonvois zum Hamburger Flughafen begleitet.

Diese in der Bundesrepublik ungewöhnliche Form der Demonstration fand bei den Medien eine große Resonanz.

Am 7. Januar 1986 führten wir im Hamburger Rathaus eine Pressekonferenz durch. Wir haben die Gründung einer Untersuchungskommission in der Bürgerschaft sowie eine breite öffentliche Diskussion über die Gründe der Ausländerfeindlichkeit sowie über die erforderlichen Gegenmaßnamen gefordert.

Am 11. Januar 1986 haben wir an dem Tatort, wo Ramazan Avci getötet wurde, eine Gedenkveranstaltung durchgeführt.

Am 12. Januar 1986 fand dann eine der bis dahin größten Protestdemonstration der Hamburger Türken statt. An dieser Protestaktion nahmen rund 15.000 Menschen, Deutsche, Türken sowie andere Nichtdeutsche teil.

Ich hatte die Ehre, bei dieser Trauerkundgebung für Ramazan Avci eine Rede zu halten. Unter anderem habe ich gezielte Maßnahmen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gefordert.

„Diese Ausländerpolitik hat versagt, weil sie eine Million in der Bundesrepublik geborene Menschen weiterhin als Ausländer mit minderen Rechten behandelt. Mehr als 60% aller Ausländer leben nunmehr länger als 10 Jahre in diesem Lande, fast alle mit Ihren Familien. Ihre Kinder sprechen besser Deutsch als ihre Muttersprache“.

Weiterhin betonte ich: „Eine glaubwürdige und zukunftsorientierte Ausländerpolitik kann nicht mehr vom Verständnis ausgehen, wir, die Ausländer seien hier (nur?) provisorisch. Sie muss vielmehr uns, die Einwanderer, als einen festen Bestandteil dieser Gesellschaft akzeptieren. Sie muss den Einwanderern die Wege zur Gleichstellung in allen Bereichen, und zwar zur praktizierten Gleichstellung, freimachen.

So wird es möglich sein, Freundschaft statt Feindschaft zu ernten. Nur so wird es möglich sein, Deutsche und nationale Minderheiten –trotz unterschiedlicher Kulturen und Religionen - solidarisch, gut nachbarschaftlich in der Bundesrepublik Deutschland zusammen leben zu lassen. Nur so wird es möglich sein, rassistischen und ausländerfeindlichen Tendenzen den Boden zu entziehen.“

Meine Rede wurde damals in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in vollem Wortlauf veröffentlicht.

Die Resonanz in den Medien war groß. „Hamburger Türken wehren sich- der Mordfall Avci drängt Rivalitäten in den Hintergrund“, so die Frankfurter Rundschau. „Ramazans tot weckt Willen zum Widerstand“, Kölner Stadtanzeiger. „15.000 bei Trauer-Demo in Hamburg, großer Protestzug für den ermordeten Ramazan Avci.“ Taz.

Jetzt noch einmal zurück zu der Geburtstagfeier.

Ich hatte wegen des Weihnachtsabends einen Studenten von meinem Fachbereich, der als Weihnachtsmann jobbte, gebeten, zu dieser Geburtstagsfeier als Weihnachtsmann aufzutreten. Zum ersten Mal hatte ich so etwas in Angriff genommen. Nun hatte ich vergessen, die Geschenke, die der Weihnachtsmann den Kindern hätte verteilen sollen, zu besorgen.

Nicht nur dass, sondern ich hatte wegen dieser aktuellen Diskussion gänzlich vergessen, dass ich ein Weihnachtsmann bestellt hatte. Es war höchst peinlich für mich, als der Weihnachtsmann dann vor der Tür stand.

In den Monaten Januar, Februar wurde die Diskussion über die Gründung eines dauerhaften Bündnisses mit den Vertretern der Protestaktionen intensiv weitergeführt. In den konstituierenden Sitzungen am 28. Februar und 4. März 1986 wurde dann die Gründung des „Bündnis Türkischer Einwanderer- Hamburg“ (TGB) beschlossen.

Schon der Name „Einwanderer“ war für uns ein Programm. Vor 20 Jahren wollten wir, dass die Bundesrepublik Deutschland die längst vollzogene Realität akzeptiert und sich als Einwanderungsland versteht. Denn nur mit diesem neuen Verständnis hätte sie eine grundlegende neue Migrations- und Integrationspolitik einleiten können.

Bekanntlich hat die Bundesregierung dieser Realität erst nach rund 20 Jahren Verspätung mit dem am 01. Januar 2005 in Kraft getretenen neuen Zuwanderungsgesetz und nicht einmal mit voller Überzeugung entsprochen.

Und heute haben wir noch immer – liebe Frau Bürgermeisterin Schniede-Jassam,, rund 7 Millionen Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft nicht besitzen. Unter diesen Menschen wiederum sind mehr als zwei Millione gebürtige Bundesrepublikaner und weitere rund 3 Millionen, die seit <Jahrzehnten hier leben. Diesen Zustand können und dürfen wir nicht mehr lange hinnehmen. Wir sind als politischeverantwortliche in der Pflicht, hierzu eine baldige Lösung zu finden, das diese Menschen mit vollen Staatsbürgerrechtenn in diesem KLand leben können.

Nach langen Diskussionen haben wir den Namen dieses Vereins der „Türkischen Gemeinde in Deutschland“ angepasst und diesen in „Türkische Gemeinde Hamburg und Umgebung“ (TGH) umbenannt.

In der Tat entsprach der Name „Bündnis Türkischer Einwanderer“ nach 40 Jahren Migration aus der Türkei nicht mehr der Realität in Deutschland. Denn viele der Deutschland-Türken sind in Hamburg und in Deutschland geboren. Sie sind daher keine Einwanderer, sondern gebürtige Hamburger, Berliner, Münchner, Kölner, Düsseldorfer, also Bundesrepublikaner.

Die Türkische Gemeinde in Hamburg ist die mit Abstand wichtigste Migrantenorganisation in Hamburg geworden. Mit ihrer soliden, beharrlichen und konsequenten Orientierung hat sie, davon bin ich überzeugt, dass Umdenken in Migrations- und Integrationsfragen maßgeblich beeinflusst. Sie hat den Beweis geliefert, dass ein breites Bündnis, trotz unterschiedlicher politischer Ausrichtungen, für die Wahrnehmung und Durchsetzung gemeinsamer Interessen und Ziele der Deutschland-Türken möglich und notwendig ist.

Diese pluralistisch orientierte Organisationsform war unter den Türken ein Novum. Diesem Beispiel folgten in anderen Bundesländern ähnliche Vereinsgründungen.

Am 5. Dezember 1995 entstand dann „Die Türkische Gemeinde in Deutschland“ (TGD), maßgeblich mitgetragen von der “Türkischen Gemeinde in Hamburg und Umgebung“.

Mit großer Genugtuung kann ich sagen, dass ich stolz darauf bin, Mitbegründer und mehr als 13 Jahre lang Vorsitzender dieser Organisation gewesen zu sein.

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